Altes Handwerk neu beleben
Claudia Geilen war 50 Jahre jung, als sie eine Weber-Lehre begann
Den mechanischen Webstühlen aus England hatten die hungernden Leinenweber Schlesiens nichts mehr entgegenzusetzen. Als Gerhard Hauptmann sein berühmtes Weber-Drama 1893 zur Uraufführung brachte, war das Leinenweber-Handwerk schon so gut wie ausgestorben. Dass es heutzutage dennoch Webergesellen wie Claudia Geilen aus Plaidt gibt, hat viel mit wahrer Liebe zum Handwerk zu tun. Und mit der Sorge, dass jahrhundertealte Techniken in Vergessenheit geraten könnten.
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| Garantiert handgewoben: Flauschige Schals, Decken, Jacken oder Pullover und weitere Bekleidungsstücke fertigt Claudia Geilen in traditioneller Handwerksarbeit. |
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| Auf dem Dachboden von Claudia Geilen verbirgt sich eine Sammlung alter, einsatzbereiter Spinnräder und anderer Arbeitsgeräte für die Weberei. |
Als Claudia Geilen für den deutschen Entwicklungsdienst in Burkina Zone arbeitete, war sie Mitte 20 - und Arzthelferin. Ein Vierteljahrhundert später ist sie noch immer mit demselben Mann verheiratet, mit dem sie in den 70er Jahren in Afrika unterwegs war, hat vier Kinder groß gezogen und sich fest in den Kopf gesetzt, ihr liebstes Hobby, die Weberei, zu ihrem (zweiten) Beruf zu machen. Wer aber bildet heutzutage noch in einem Handwerk aus, das schon vor mehr als 100 Jahren auf dem Rückzug war?
Gestandene Lehrlinge
„Hätte ich irgendwo in der Region einen Meisterbetrieb gefunden, dann hätte ich auch dort in die Lehre gehen können“, erinnert sich die 54-Jährige. „Aber die Weberei ist ein so seltener Beruf geworden; es gibt in ganz Deutschland nur noch eine einzige Ausbildungsstätte.“ Um diese zu erreichen, musste Claudia Geilen über einen Zeitraum von dreieinhalb Jahren regelmäßig ins wendländische Waddeweitz im Landkreis Lüchow-Danneberg fahren.
„In unserem Ausbildungsjahrgang war ich neben einer über 60 Jahre alten Frau aus Speyer die einzige Rheinland-Pfälzerin“, erzählt Geilen. Wenn sie heute an einem ihrer herrlichen Webstühle sitzt, erinnert sie sich gerne an ihre ehemaligen „Klassenkameraden“. „Ich bin ja die einzige Weberin weit und breit“, sagt die Plaidterin. „Der Austausch mit den Kollegen fehlt mir ein bisschen.“ Am 28. Februar dieses Jahres legte Claudia Geilen vor der Handwerkskammer Lüneburg-Stade erfolgreich ihre Gesellenprüfung ab.
Faszinierendes Handwerk
Grubenmuster, Gänseauge, Hahnentritt, Scheindreher - alle gängigen Webmuster beherrscht Claudia Geilen aus dem FF. In ihrem Zuhause veranstaltete sie unlängst einen „Tag der offenen Tür“. Wer sich diesen nicht entgehen ließ, konnte etwa einen aufgearbeiteten Webstuhl bewundern, der vor mehr als 100 Jahren in der Eifel entstand. Ein deutlich jüngeres Exemplar befindet sich im Wohnzimmer. Kleinere Webereien wie Kissenbezüge, Küchenhandtücher oder edle Schals aus Kaschmir und Seide webt die Plaidterin an diesem. Tisch- oder Bettdecken dagegen fertigt sie am größten Webstuhl des Hauses, der gleich neben dem „historischen“ auf dem Dachboden steht.
Obwohl Claudia Geilen ihr Handwerk beherrscht und es nicht an Kunden mangelt, die ihre handgewobenen Textilien kaufen - reich wird sie von dieser Arbeit nicht. „Ganz von der Weberei leben könnte ich nicht“, macht sich die „Junggesellin“ nichts vor. Aber es waren auch keine finanziellen Überlegungen, die sie dazu brachten, mit 50 Jahren noch einmal in die Lehre zu gehen. „Die Weberei ist ein faszinierendes, aber leider aussterbendes Handwerk“, sagt Claudia Geilen. „Ich möchte nicht, dass die überlieferten Techniken in Vergessenheit geraten.“ Deshalb und aus purer Leidenschaft für den Beruf hat sie diese Mühen auf sich genommen.
Steckbrief: Weberei Geilen, Plaidt
Gegr. 2006 | Einzelunternehmen | Web- und Spinnarbeiten | Tel.: 02632/ 6789
Schenken Sie Handwerk!
Wer Claudia Geilens handgewobene Stoffe einmal selber betrachten oder seine Liebste mit einem flauschig weichen Kaschmirschal beschenken möchte, sollte die Winterausstellung der HwK Koblenz in der Galerie Handwerk besuchen. Noch bis zum 30. Dezember sind die Webereien aus dem Hause Geilen dort ausgestellt und - sofern kein anderer schneller war - auch zu kaufen.
Informationen in der Galerie Handwerk Koblenz, Tel.: 0261/ 398-277, Fax: -993, E-Mail: galerie@hwk-koblenz.de; Onlineshop rund um die Uhr:
www.galerie-handwerk-koblenz.de