„Ein Leben lang genäht“
Schneidermeisterin Else Schäffer feierte Jahrhundertgeburtstag
„Ich habe mein ganzes Leben genäht und würde es immer wieder tun“, sagt Schneidermeisterin Else Schäffer aus Ellern/Hunsrück. Die rüstige Dame mit dem warmherzigen Blick aus hellen wachen Augen feierte im November ihren 100. Geburtstag.
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| Schneidermeisterin Else Schäffer mit dem Goldenen Meisterbrief, den ihr die HwK bereits 1993 verliehen hatte. |
Sie lebt noch immer in ihrem Elternhaus und wird von ihrem Neffen, einem Schlossermeister im Ruhestand, und dessen Frau versorgt. Ihr Alter sieht man der agilen Jubilarin mit dem beinahe faltenfreien Gesicht - „ich benutze nur Kernseife und Wasser“ - nicht an. „Mit meinem Handwerk war ich immer auf der Höhe der Zeit. Es hat mich jung gehalten“, schmunzelt sie. „Schon als Fünfjährige habe ich mir aus Papier ein Muster geschnitten und für meine Puppe ein Kleid an der Nähmaschine meiner Mutter genäht. Meine Brüder haben unter der Maschine gelegen und für mich das Rad gedreht, weil ich zu klein war. Ich habe ihnen immer Kommandos für die Drehgeschwindigkeit gegeben“, erzählt sie. Sie erinnert sich auch, dass sie damals Prügel für die abgebrochene Nadel und den verbrauchten Stoff bekommen hat. Trotzdem hatte die Mutter ihr Talent erkannt und sie schon mit zwölf Jahren zum Weißnähkurs geschickt. Mit 15 ging sie in die Schneiderlehre.
Engagiert im Ehrenamt
„Als Gesellin bin ich im Dorf von Haus zu Haus gelaufen und habe gefragt, was es zu nähen gibt. Es fiel immer etwas an, vor allem die Hosen der Jungen mussten ausgebessert werden“, weiß sie. „Flickmädchen wollte ich aber nicht bleiben. Ich wollte etwas darstellen, etwas sein. Deshalb habe ich in Koblenz Lehrgänge besucht und 1943 die Meisterprüfung abgelegt.“ Stolz schwingt in ihrer Stimme, wenn sie sagt, dass sie damals die einzige Frau in den Meisterlehrgängen war.
Im Elternhaus richtete sie sich eine Nähstube ein. Bis zu drei „Lehrmädchen“ hatte Else Schäffer immer um sich. „Sie gehörten zur Familie“, sagt die Meisterin, die selbst nie geheiratet hat und kinderlos blieb. „Der zu mir passende Mann, als ich im heiratsfähigen Alter war, ist bestimmt im 1. Weltkrieg gefallen“, meint sie scherzend. Als Obermeisterin der Herrenschneider-Innung Simmern bis 1962 und stellvertretende Obermeisterin der neuen Herren- und Damenschneider-Innung bis 1974 hatte sie beruflich nie Männermangel. Ihr Ehrenamt behielt sie auch nach einer Fusion mit der Schuhmacher-Innung bis 1978 bei. „Ich wollte immer vorn dabei sein, sehen, was läuft“, begründet sie ihr Engagement, für das sie 1992 mit der Ehrennadel der HwK Koblenz ausgezeichnet wurde.
Arbeit gab es für die Schneidermeisterin immer reichlich. Nach dem Krieg färbte sie Militärmäntel und nähte daraus Sachen. In den 1960er Jahren gehörten die US-Frauen vom Hahn zu ihren Kunden. Noch heute liest sie manchmal in alten Maßbüchern nach, Mode interessiert die alte Dame weiterhin und „was in der Welt passiert“. Ihr gefallen Kleider auf Form genäht, weil sie die „Weiblichkeit betonen“, und weiße Kragen aus Spitze oder Tüll aufgenäht als „Liebeserklärung ans Gesicht“. „Ich trage sie immer. Vielleicht sehe ich deshalb so freundlich aus ...“
Handwerkskammer Koblenz: 100 Jahre und mehr - Dokumentation im Internetshop
Im Jahr 2001 erschien eine Dokumentation, die die Geschichte des Handwerks im nördlichen Rheinland-Pfalz und der HwK Koblenz widerspiegelt. Sie lädt zu einem Ausflug in die Vergangenheit, Gegenwart, aber auch in die Zukunft des Handwerks im Kammerbezirk ein. Die Zeitreise umfasst die großen Linien der regionalen, nationalen und europäischen Entwicklung. Ausführlich beschrieben wird auch die Stellung der HwK Koblenz in der Zeit, als Else Schäffer ihre Meisterprüfung ablegte. Die Koblenzer Kammer ging 1943 mit der Trierer in der Abteilung Handwerk der Gauwirtschaftskammer Moselland mit Sitz in Koblenz auf. – Die Dokumentation gibt’s im Internetshop unter
www.galerie-handwerk-koblenz.de (Publikationen)