„Meisterbrief öffnet Tore der Welt“
Das 31. Weihnachtsgespräch mit Karl-Jürgen Wilbert: Ausländer erzählen über Beruf, Familie und Traditionen
„Ich lebe seit 19 Jahren in Deutschland. Mein Vater kam bereits Ende der 1950er Jahre über Algerien und Frankreich nach Deutschland. Er hat hier als Maurer gearbeitet und ist heute noch berufstätig“, erzählt der marokkanische Industriemechaniker Ahmed Zahouani aus Neuwied. „Als unsere Familie nachkam, Mutter, drei Schwestern und ein Bruder, war ich elf Jahre alt. Ich bin in Deutschland aufgewachsen, hier ist mein Zuhause.“
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| Auf Meisterkurs im Feinwerkmechanikerhandwerk: Ahmed Zahouani |
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| Auf Meisterkurs im Friseurhandwerk: Malgorzata Gbiorczyk |
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| Auf Meisterkurs im Maler- und Lackiererhandwerk: Maik Maganuco |
„In der Hauptschule gehörte ich zu den Besten und meine Lehre als Industriemechaniker, Fachrichtung Maschinensystemtechnik, bei Schmalbach Lubeca, heute Ball Backing Europe, hat mir großen Spaß gemacht. Ich wurde nach der Ausbildung übernommen. Die Firma fördert auch meine Meisterausbildung und unterstützt mich hervorragend“, sagt er mit Stolz. Er berichtet, dass ihm nach seinem erfolgreichen Abschluss der Teile III und IV der Meisterausbildung die Verantwortung für die Lehrlinge im Betrieb übertragen wurde.
Zu Gast in der HwK
Ahmed Zahouani gehört zu den Gästen, die HwK-Hauptgeschäftsführer Dr. h.c. mult. Karl-Jürgen Wilbert zu einem vorweihnachtlichen Gespräch eingeladen hat. Weitere Gesprächspartner am festlich gedeckten Tisch sind der italienische Maler und Lackierer Maik Maganuco sowie die Friseurin Malgorzata Gbiorczyk aus Polen. Bereits zum 31. Mal trifft Wilbert zum Jahresende einige ausländische Handwerker, die sich bei der HwK Koblenz auf ihre Meisterprüfung vorbereiten. Er spricht dann mit ihnen über ihr Leben und Arbeiten in Deutschland. Er fragt nach ihren Erfahrungen, ihren Zukunftsplänen, Wünschen und Träumen. Er fragt sie auch, welche Bedeutung Weihnachten für sie und ihre Familien hat, vor allem dann, wenn sie nicht aus einer christlichen Kulturwelt kommen.
„Sie sind in einem Industriebetrieb tätig, warum erwerben Sie den handwerklichen Meisterbrief?“, will Wilbert von Ahmed Zahouani wissen. „Vielleicht möchte ich mich später einmal selbstständig machen. Mit dem Meisterbrief halte ich mir diese Möglichkeit offen. Gleich wo, der deutsche Meisterbrief öffnet die Tore der Welt“, sagt dieser. Der aus Sizilien stammende Maik Maganuco hat bereits konkrete Zukunftsvorstellungen. „Ich mache mich selbstständig. Maler und Lackierer ist ein toller Beruf und bietet eine bunte Angebotspalette. Mein Hobby, die Landschaftsmalerei, kommt mir dabei zugute. Zukunftsangst habe ich nicht, ein deutscher Meisterbrief gilt etwas“, so der Vater eines fünfjährigen Sohnes und einer zweijährigen Tochter.
„Verkaufen Sie Ihre Bilder auch?“, fragt der Hauptgeschäftsführer und verweist auf die traditionelle Winterausstellung der HwK, wo in diesem Jahr 180 Kunsthandwerker ihre Arbeiten präsentieren. „Bisher hängen die Bilder in meiner Wohnung und bei Freunden.“ Als Maganuco in Mainz geboren wurde, lebten seine Eltern schon fünf Jahre hier. „Zu Hause wurde italienisch gesprochen und ich habe heute noch Sprachschwierigkeiten. Meine Kinder sprechen aber perfekt deutsch“, entschuldigt er sich. „Richtig deutsch zu sprechen ist auch manchmal für Deutsche schwer“, so Wilbert. Sein Gast hört aufmerksam zu, als der Hauptgeschäftsführer sich an einen Aufenthalt in dessen Heimat und seine Fahrt mit einer 250er Vespa von Taormina zum Vesuv erinnert.
Integration über die Sprache
Auch für Malgorzata Gbiorczyk ist das Lernen der deutschen Sprache sehr wichtig. „Wenn man die Menschen verstehen will, muss man ihre Sprache können“, sagt sie. Seit knapp vier Jahren lebt sie mit Mann und Tochter in Bad Ems. „Wir waren sehr oft hier, bevor wir uns zum Bleiben entschieden haben. Meine Schwiegereltern sind deutschstämmig und leben schon lange in der Kurstadt.“ Seit zwei Jahren führt sie mit einer Ausnahmebewilligung den Salon, „Gosia’s Haarstudio“. „Als Selbstständige kann ich mir die Zeit besser einteilen und meine Kunden helfen mir auch, die Sprache zu lernen. Ich habe die nettesten Kunden von Bad Ems“, lacht sie. „Das ist gut. Die Beziehung zwischen Deutschland und Polen war immer etwas schwierig“, freut sich Wilbert für seinen Gast. „Was war ist Vergangenheit, ich spüre keine Ausländerfeindlichkeit. Schwierig ist es aber, Geschäft, Haushalt und Meisterschule unter einen Hut zu bringen. Meine Tochter und mein Mann büffeln mit mir die umfangreiche Theorie“, räumt sie ein.
Die Frage des Hauptgeschäftsführers, ob sie sich vorstellen können, wieder in ihr Heimatland zurückzukehren, verneinen die Gesprächspartner. Sie sind verbunden mit dem Land, das ihnen Heimat wurde. Sie haben in deutschem Boden Wurzeln geschlagen. Mit dem Erwerb des Meisterbriefes tragen sie zur Sicherung ihrer beruflichen Existenz bei. „Wenn ich alle zwei Jahre mit meiner Frau in den Norden Marokkos nach Nador zu Verwandten fahre, ist das für uns Urlaub. Auch wenn dort fast immer die Sonne scheint, sehne ich mich wieder nach Deutschland zurück. Hier habe ich gelernt, wurde vom Lehrbetrieb übernommen und gefördert. Ich bin einfach dankbar. Was ich an Gutem erfahren habe, möchte ich zurückgeben“, betont Ahmed Zahouani.
Junge Ideen und alte Bräuche
„Was möchten Sie in fünf Jahren machen?“, interessiert sich Wilbert. Die Meister in spe sind optimistisch und überzeugt, dass es beim Aufbau einer eigenen Existenz keine Rolle spielt, woher man kommt. Die Lebensläufe von Zahouani und Maganuco sind von denen Deutschstämmiger nicht zu unterscheiden. Schule, Ausbildung, erste Berufserfahrung, harte Arbeit, Ehrgeiz und Erfolg. Eine glückliche Familie ist ihnen wichtig. Alle sind zwar mit Landsleuten verheiratet, haben sie aber in Deutschland kennen gelernt. Sie haben Kinder, die auch hier leben, lernen und arbeiten möchten. Malgorzata Gbiorczyks Tochter will einmal Gerichtsmedizin studieren.
„Weihnachten. Welche Gedanken bewegen Sie? Was essen Sie zum Fest?“, fragt Hauptgeschäftsführer Wilbert zum Ende des Gesprächs seine Gäste. „Ich kenne die deutsche Kultur und liebe Weihnachten. Ich finde die festlich geschmückten Straßen und Fenster wunderbar“, bekennt der Moslem Zahouani. Er weiß auch um die Bedeutung des Weihnachtsfestes für die Christen. „Sich mit der Kultur vertraut zu machen, fördert die Integration“, sagt er. Bei Maik Maganuco sitzt die Großfamilie unter dem geschmücktem Weihnachtsbaum, Großeltern, Tanten und andere Verwandte zählen dazu. „Es ist wunderbar, wenn die Familie zusammenhält und alle sich verstehen.“ Bei Malgorzata Gbiorczyk wird der Weihnachtsbaum wie im letzten Jahr in Gold und Blau geschmückt. Am Heiligen Abend hält sie an einer alten Tradition fest, nach der zwölf verschiedene Speisen, aber kein Fleisch auf dem Tisch stehen müssen. „Es gibt Fisch, mit viel Gemüse gekocht, eingelegte Heringe und ...“ „Mir läuft das Wasser im Munde zusammen“, wirft Karl-Jürgen Wilbert ein. Auf Nachfrage erzählt er, dass bei ihm Kartoffelsalat und Würstchen am Heiligen Abend Priorität haben. „Nach dem Krieg war es für uns das Größte“, erinnert er sich. „Daran haben wir einfach fest gehalten.“
Infos & Anmeldung zu allen Meisterkursen bei der HwK-Meisterakademie, Tel.: 0261/ 398-415, Fax: -990, E-Mail: meister@hwk-koblenz.de, Internet:
www.hwk-koblenz.de